Solidarität darf keine Pose sein

Ein Plädoyer gegen eurozentrische Doppelmoral und für echte Haltung

Die Stadt Bern zeigt Solidarität. Sie hisst Fahnen, bekennt sich zu Frieden, Demokratie und Menschenrechten – aber fast nur mit der Ukraine. Was ist mit all den anderen Krisen, Kriegen und Kämpfen weltweit?

2024 war ein Jahr der Krisen – und der Zumutungen. Der Krieg in der Ukraine, die Klimakatastrophe, die Gewalt in Gaza, der Vormarsch autoritärer Kräfte weltweit. Die Liste ist lang. In diesem Spannungsfeld stellt sich nicht nur für Privatpersonen, sondern auch für Städte wie Bern die Frage: Wann zeigen wir öffentlich Solidarität? Und mit wem?

In seiner Antwort auf einen Prüfauftrag hält der Gemeinderat fest, Solidaritätsbekundungen der Stadt Bern seien nur bei „ausserordentlichen Ereignissen von besonders weitreichender Bedeutung“ vorgesehen – und nennt als einziges Beispiel den Angriff auf die Ukraine. Gleichzeitig will er sich kein starres Regelwerk auferlegen, sondern flexibel bleiben. Das ist nachvollziehbar. Nicht jedes Statement muss politisch inszeniert werden. Was mich aber irritiert, ist die implizite Logik, nach der entschieden wird, welche internationalen Ereignisse eine Geste „verdienen“.

Denn was ist beispielsweise mit dem Sudan? Seit über einem Jahr herrscht dort ein brutaler Krieg zwischen Militär und Milizen. Millionen Menschen sind auf der Flucht, es kommt zu ethnischer Gewalt, Hunger, dem Zusammenbruch ziviler Strukturen. Der Konflikt destabilisiert die gesamte Sahelregion – mit direkten Auswirkungen auf Fluchtbewegungen nach Europa und damit auch in die Schweiz.

In Afghanistan haben die Taliban seit ihrer Machtübernahme das öffentliche Leben für Frauen faktisch abgeschafft. Kein Zugang zu Bildung, Arbeit oder medizinischer Versorgung. Ist das nicht ausserordentlich?

Im Kongo bauen Kinder unter sklavenähnlichen Bedingungen Kobalt ab –
für unsere Smartphones, Laptops und E-Autos. Wir profitieren – und schweigen. Sind Menschenrechte im Globalen Süden keine Geste wert?

Blicken wir in den Nordwesten: Eine der ältesten Demokratien der modernen Welt – die USA – wird von innen systematisch angegriffen. Menschenrechte werden ausgehöhlt, politische Gegner kriminalisiert, ganze Bevölkerungsgruppen dehumanisiert. Soll das etwa keine Auswirkungen auf uns haben?

Ein letztes aber keineswegs abschliessendes Beispiel sind die Studentenproteste in Serbien oder anderswo in Europa. Junge Menschen, die für Demokratie, gegen Korruption und gegen staatliche Repressionen auf die Strasse gehen. Auch das betrifft uns. Auch das ist ausserordentlich. Aber: offenbar nicht ausserordentlich genug.

Die Welt brennt. Und wenn Solidarität nur dort gezeigt wird, wo sie ins mediale Aufmerksamkeitsnarrativ passt, ist sie keine Haltung, sondern Pose. Wer in Bern für Menschenrechte, Gleichstellung, Demokratie und Frieden einstehen will, muss über den europäischen Tellerrand hinausblicken.

Solidarität ist kein geopolitischer Luxus.
Sie darf nicht selektiv sein. Nicht eurozentriert. Nicht abendländisch verengt.
Sie gilt entweder allen – oder sie verliert an Glaubwürdigkeit.

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